Generation Dauer-On – Die Schattenseiten unserer Mediennutzung

[Meinung] YouTube, Instagram, Netflix und Co. sind für viele von uns ständige Begleiter im Alltag. Beim Essen den Insta-Feed durchscrollen oder abends im Bett noch schnell eine Folge der aktuellen Lieblingsserie schauen, ist das Normalste der Welt. Und all das hat unseren Alltag in Windeseile erobert. So schnell, dass wir gar nicht dazu gekommen sind, zu hinterfragen, was die Folgen unseres dauerhaften Online-Seins sind. Mittlerweile wird deutlich: Sie sind verheerend. Nicht nur für uns selbst, sondern durch den enormen Stromverbrauch auch für unsere Umwelt. Sollten wir also nach dem Motto „besser spät als nie“ unser Nutzungsverhalten ernsthaft überdenken?

Warum soziale Medien schlecht für die Psyche sind

In den vergangenen Jahren wurden unzählige Studien zu den psychischen Auswirkungen der Nutzung digitaler Medien angestellt. Eines haben die Ergebnisse all dieser Studien gemeinsam: Sie sagen, dass die intensive Nutzung sich überwiegend negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt. Im Zentrum der meisten Untersuchungen stehen die sozialen Medien.

Diese können laut Arbeiten der Universitäten Arkansas und Pittsburgh und der Universität Montreal depressive Symptome verstärken. Auch die britische Royal Society for Public Health führte eine Studie durch, die den sozialen Medien eine angstfördernde Wirkung zuschreibt. Die Gründe für diese eindeutigen Ergebnisse sind mannigfaltig.

Die Krankenkasse AOK nennt in einem Artikel zu diesem Thema vier Hauptursachen:

1. Der soziale Vergleich

Die unrealistische Selbstdarstellung Anderer auf den sozialen Medien führe dazu, dass Menschen an Selbstzweifeln leiden und eine verzerrte Selbstwahrnehmung hätten.

2. Der Zeitaufwand

Die zeitintensive Nutzung von Social Media mache es schwierig, anderen Tätigkeiten, wie zum Beispiel dem Spazieren in der Natur oder dem Schlafen ausreichend nachzugehen.

3. Die Reizüberflutung

Das Gehirn sei schlicht nicht für die enorme Menge an Informationen ausgelegt, die uns durch die sozialen Medien entgegengeworfen werden. Dies führe laut aktuellen Studien zu einem reduzierten Wohlbefinden.

4. Die Sucht nach Likes

Unser Körper schüttet Glücksgefühle aus, wenn jemand einem Foto oder einem Post von uns im Internet einen Like gibt. Diese Glücksgefühle können süchtig machen und so dazu führen, dass wir immer mehr Likes bekommen wollen.

Jede Menge Gründe also, das eigene Nutzungsverhalten zu hinterfragen. Noch dazu kommt, dass wir zumeist nicht einmal selbst darüber entscheiden, was wir gerade konsumieren. Dafür sind vielmehr Maschinen verantwortlich. Die künstlichen Intelligenzen setzen uns vor, was uns wahrscheinlich gefallen könnte und dieser Prozess ist nur einem Ziel untergeordnet: Unsere Nutzungszeit zu maximieren.

Stromverbrauchsmonster Internet

Wir konsumieren also am laufenden Band Inhalte, die wir uns gar nicht wirklich selbst ausgesucht haben und schädigen damit auch noch unsere psychische Gesundheit. Doch damit nicht genug. Unsere dauerhafte Internetnutzung ist ein enormer Stromfresser. Schon 2018 war das Internet für 10 Prozent des weltweiten Stromverbrauchs verantwortlich. Schätzungen zufolge könnte der Anteil innerhalb der nächsten 20 Jahre auf bis zu 50 Prozent ansteigen. Jetzt könnte man diese Tatsachen als akzeptabel abtun, indem man darauf verweist, dass wir unseren Strom in Zukunft immer mehr über erneuerbare Energien beziehen werden.

Das ist auch richtig, macht die Sache aber nicht wirklich besser. Denn je höher der Stromverbrauch ist, desto mehr erneuerbare Energieerzeugung benötigen wir. Zum Beispiel mehr Windräder und mehr Photovoltaikanlagen. Und so gut diese Technologien auch sind, ihr Ausbau ist dennoch nicht zum ökologischen Nulltarif zu haben. Jedes Windrad muss irgendwo in der Natur aufgestellt werden und jede Solarplatte benötigt Materialien zur Herstellung und muss irgendwann entsorgt werden.

Deshalb ist ein möglichst geringer Energieverbrauch bei aller neuen Technologie immer noch das Beste für unsere Umwelt. Und eine Möglichkeit zur Reduzierung unseres Energieverbrauchs liegt auf der Hand: Die Nutzung von digitalen und vor allem sozialen Medien reduzieren.

Netflix-Nutzung vergleichbar mit einem Langstreckenflug

Anhand von Netflix zeigt sich, wie massiv aktuell die CO2-Emissionen durch Streamingdienste sind. Eine Studie mehrerer amerikanischer Universitäten errechnete, dass jeder Netflix-Nutzer 2020 im Schnitt 514 kg CO2 verursacht hat. Zum Vergleich: Laut dem Umweltbundesamt verursacht ein vierstündiger innereuropäischer Flug circa 490 kg CO2.

Wenn wir uns bewusst machen, dass die intensive Mediennutzung sowohl für unsere Psyche als auch für unsere Umwelt negative Auswirkungen hat, ist die Reduzierung der Nutzungsdauer die einzig sinnvolle Verhaltensweise für jeden mündigen Menschen. Wir können uns nicht vegan ernähren und aufs Fliegen verzichten und gleichzeitig ignorieren, was für negative Auswirkungen unser alltäglicher Medienkonsum auf die Umwelt hat.

Aber sozialen Medien abzuschwören, ist vor allem für junge Menschen natürlich nicht einfach. Instagram, Netflix, YouTube und Co. sind zur Routine geworden und der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier. Diese Gewohnheiten zu ändern, erfordert Anstrengung. Doch wer bereit ist, über seinen Schatten zu springen, kann mit einer erhöhten Lebensqualität belohnt werden.

Überhaupt keine digitalen Online-Medien mehr zu nutzen, ist im Zeitalter der Digitalisierung natürlich utopisch. Doch schon ein bewussterer Umgang ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Dieser Beitrag ist ein Meinungsbeitrag und spiegelt den Standpunkt des*der Redakteur*in zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wider.

Inspiriert durch:
Das Experiment sind wir von Christian Stöcker
Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution … von Erhard Eppler und Niko Paech

Quellen:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/oekonom-tilman-santarius-warnt-vor-dem-stromfresser.1008.de.html?dram:article_id=433497
https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/energie/erneuerbare-energien-energiewende/windenergie/index.html
https://www.greenpeace.de/themen/walder/waldnutzung/wie-windkraft-und-waldschutz-zusammenpassen
https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/der-einfluss-sozialer-medien-auf-die-psyche/
https://www.klaus-grawe-institut.ch/blog/der-einfluss-sozialer-medien-auf-die-psychische-gesundheit/
https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/article-abstract/2737909
https://www.ajpmonline.org/article/S0749-3797(20)30447-5/fulltext
https://www.rsph.org.uk/our-work/campaigns/status-of-mind.html
https://uba.co2-rechner.de/de_DE/mobility-flight#panel-calc
https://www.purdue.edu/newsroom/releases/2021/Q1/turn-off-that-camera-during-virtual-meetings,-environmental-study-says.html

Bild mit freundlicher Genehmigung von Every Thing
Moritz Löhn Verfasst von: