Wen liebst du eigentlich?

Der Pride Month ist vorbei und die Regenbogenflaggen verschwinden aus der Öffentlichkeit. Vor zwei Tagen habe ich noch eine am Bürogebäude der SPD gesehen, aber nachdem sie am 19. Mai gegen das Selbstbestimmungsgesetz und für das Weiterbestehen des diskriminierenden Transsexuellengesetzes gestimmt haben, verweilt diese Flagge mal wieder in der Sphäre der Symbolpolitik. So wie die meisten Flaggen im letzten Monat dafür oder zum Pridewashing genutzt wurden. Also, um das eigene Image zu verbessern. Gerade große Autokonzerne wie BMW oder Audi nutzten die Gunst des Monats für ihre Imagepolitik, aber nicht dafür nachhaltig bestehende Verhältnisse zu ändern. Parteien machen das genauso. Und Nationen auch: Die Debatte während der EM um die Arena in München, um Neuers Regenbogenbinde, die vermeintliche Offenheit und Toleranz der deutschen Nation (lol). Regenbogenflaggen können eben auch gut dafür genutzt werden, die vermeintlich eigene Überlegenheit gegenüber anderen Nationen abzugrenzen. Nach dem Motto: Wir können mit Gabel und Messer essen und unser Tischtuch ist jetzt bunt. Wobei die Regenbogenflagge nicht für eine offene und tolerante Gesellschaft steht, sondern für die Vielfalt queeren Lebens. Voll am Ziel vorbeigeschossen würde ich sagen und das zeigt, dass die Dominanzgesellschaft mal wieder alles auf sich bezieht und es doch nicht weiter als bis zum Tellerrand schafft.

Wenn nämlich all diesen Menschen, Institutionen und Entscheidungsträger*innen an queeren Rechten interessiert wären, dann könnten sie zum Beispiel damit anfangen, die Bildung zu reformieren. Ein heißer Tipp: der Biounterricht, in dem Teil, in dem es um Sex geht. Denn surprise, den gibt es nicht nur zwischen Mann mit Penis und Frau mit Vulva… Naja, Konservative reden halt nicht gerne über Sex, das scheint zu beschämend. Aber Spaß beiseite, das wäre ein Schritt die binären Vorstellungen von (Zweier-)Beziehungen, Rollen und Sex langsam aufzubrechen. Wenn mir immer nur eine Möglichkeit vor Augen gehalten wird, woher soll ich wissen, dass es so unglaublich viel mehr gibt. Wenn mir gezeigt wird, dass es Sex zwischen zwei weiblich gelesenen Menschen gibt, dann macht das ein Outing meiner Sexualität einen kleinen Schritt weniger notwendig. Dann wird das irgendwann vorausgesetzt.

Solange das nicht der Fall ist, wird es immer so weitergehen: Die Angst vor Gewalt beim Händchen halten in der Öffentlichkeit. So schiefe abwertende Blicke von der Seite sind allerdings auch schon ziemlich verletzend. Die Angst von der Familie verstoßen zu werden. Die genaue Urlaubsplanung und das Lesen von Erfahrungsberichten in noch kritischeren Ländern für Queers. Dann wird es auch damit weitergehen, nach dem Outing Kondome geschenkt zu bekommen, weil du schon einmal mit einem Mann geschlafen hast. Oder du auch Jahre danach noch gefragt wirst, ist es ein er oder eine sie? (andere Pronomen existieren meistens nicht) Oder du von Familienmitgliedern geoutet wirst und die Unwissenden beleidigt sind, denen du es nicht selbst erzählt hast. Oder die sexuelle Orientierung nur als Phase abgetan wird, was gerade bei weiblich gelesenen Menschen der Fall ist, weil sie weniger ernst genommen werden. Oder, oder, oder.

Manche fordern dann gerade von homosexuellen Menschen sich zu outen, um ihre Sexualität zu „normalisieren“ und es anderen damit leichter zu machen. In einer homofeindlichen Gesellschaft ist das eine gewaltvolle Anmaßung. Das ist bereits bei der Formulierung „normal“ zu erkennen, denn queeres Leben ist normal. Die meisten von uns Queers müssen sich dann aber doch outen. Der Druck der vermeintlichen Lüge, wenn es nicht erzählt wird, der Fakt, dass die eigene Lebensrealität bei anderen nicht im Ansatz mitgedacht wird, zwingen lebenslang zu Situationen der Abwägung. Was ist schlimmer? Die Partner*in/nen zu verleugnen oder den Arbeitsplatz zu verlieren?

Um diese Lage zu verdeutlichen, durfte ich das Gedicht von Wiki (Instagram: wikiriot) zitieren. Sie war Teilnehmerin von Princess Charming, der ersten lesbischen Datingshow der Welt und hat es in einer der Folgen vortragen können:

“Ich, ich wollt mich niemals outen. Ich wollt einfach nur durch mein Leben laufen, unpolitisch. Doch das geht nicht. Denn jeder Sex und jedes Händchen halten ist für euch kritisch.

Wenn ihr mich also fragt, was ich von Outing halte, dann ist meine Faust eine geballte. Denn es geht um so viel mehr als Liebe, Sex und mich, solange du so tust, als betreffe mein Outing dich.

Ich träume davon – und ich weiß, wir sind irgendwann da – dass wir unseren Enkelkindern erzählen müssen, weil sie es einfach nicht besser wissen, was ein gottverficktes Outing war.”

Alles was wir tun, wird zu einem Outing. Solange, bis die Dominanzgesellschaft es endlich schnallt.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Lena Tuulia Wilborn
Henrike Notka Verfasst von:

Art Direction I Soziolog*in und Politikwissenschaftler*in I schreibt gerne gesellschaftskritische Kommentare