Kaffee, Kuchen, Kupferdraht – Das Konzept der Repair Cafés

Ein Beitrag zur Antiwegwerfgesellschaft und eine Vernetzung von Menschen. Das sind die Ziele des Repair Cafés. Eine Initiative aus den Niederlanden, welche nun auch in Hamburg Fuß gefasst hat. In Altona dürfen wir mit im Repair Cafe dabei sein, ein Stück Kuchen probieren, oder beim Werkeln zuschauen. Und schließlich können wir sogar selbst zu einem Teil des Konzepts werden.

Als wir ausgerüstet mit Stift, Block und Kamera im Haus Drei, dem Stadtteilkulturzentrum in Altona aufschlagen, werden wir sofort mit in die Geschehnisse einbezogen. Doch nicht etwa in der journalistischen Hinsicht, aufgrund welcher wir da sind. Wir werden angeleitet Tische und Bänke in einem Saal aufzureihen, Kuchen und Werkzeuge auszulegen und Sparschweine für Spenden auf den Tischen zu drapieren. In einer Stunde öffnet das Repair Café Altona seine Pforten.

Eine Nadel im Müllhaufen

Nachdem bei der Verteilung der vorbereiteten Namensschilder auffällt, dass wir keine Helfer sind, wird uns das interessante Konzept des Repair Cafés geschildert, welches ursprünglich aus den Niederlanden stammt: In der heutigen Gesellschaft sei alles darauf ausgelegt möglichst schnell kaputt zu gehen, sodass der Konsum und die Wirtschaft gefördert werde – Das Repair Cafe soll ein Ort sein, welcher der modernen Wegwerfgesellschaft die Stirn bietet und zeigt „man kann reparieren“ erklärt Manfred Timpe, der Leiter der Veranstaltung.

Wie der Name bereits verrät handelt es sich bei einem Repair Café nicht um eine reine Werkstatt, wo Dinge repariert werden. Fünf mal im Jahr finden sich Reperaturinteressierte zusammen und genießen Kaffee samt Kuchen, während geschraubt, gelötet und gesägt wird. So entsteht eine gemütliche und sehr entspannte Stimmung in den Räumlichkeiten, als die ersten Gäste eintreffen. Die Besuchergruppe ist dabei bunt gemischt: Der jüngste Gast ist wohl ein Junge im Grundschulalter, der in Begleitung seiner Eltern gekommen ist. Ältere Herrschaften mit einem Monstrum von kaputtem Kassettenrekorder sitzen neben jungen Leuten, die ihren Bluetoothkopfhörer reparieren wollen. Manfred Timpe bestätigt, dass sich das Publikum auf alle Bereiche der Gesellschaft verteilt. Sowohl aus Szenevierteln, als auch von außerhalb Hamburgs kommen Interessenten. Es ist ein Zusammentreffen der unterschiedlichsten Menschen. Und genau das ist das Ziel des Repair Cafés: Leute zusammenbringen. Nicht-Experten sollen mit ehrenamtlichen Experten zusammengebracht werden um sich auszutauschen: „Es gibt so ein Wissen, was manche Leute haben, und manche nicht haben und auch nicht bekommen, wenn die Leute nicht zusammengebracht werden“ erklärt Timpe.

Es gehe jedoch nicht darum, dass die ehrenamtlichen Helfer die vollständige Reparaturarbeit übernehmen. Vielmehr bieten die Experten den Besuchern eine Hilfe zur Selbsthilfe, damit diese sich beim nächsten Mal vielleicht schon selber an die Reparatur eines Gegenstandes wagen. Manfred Timpe berichtet, dass die fehlende Schulung der Sicherheitsvorkehrung im Umgang mit elektrischen Geräten häufig kritisiert werde. Schmunzelnd erwidert er darauf „Wir setzen voraus, dass die Leute mündige Bürger sind und wissen, wann man einen Stecker mit dem Strom verbindet und wann nicht“.

Paul Kuprianow Manfred Timpe leitet das Repair Café

Helfer gesucht!

Allmählich sind alle Ebenen des Cafés rappelvoll. Oben wird an Elektrogeräten gelötet, eine Nähmaschine rattert und auf dem Balkon wurde eine Staubsauger-Werkstatt errichtet. Im Hof werden Fahrräder repariert und im Keller verströmt die Holz- und Metallwerkstatt einen wunderbaren Handwerksgeruch. Sowohl ein Mangel an Besuchern, als auch die finanzielle Umsetzung seien kein Problem schildert Manfred Timpe: „Wir könnten auch zehn Cafés im Jahr machen, vom Bedarf her. Machen aber nur fünf weil wir nicht so viele Helfer haben, die so häufig Zeit hätten“. Das Finden von neuen Ehrenamtlichen ist tatsächlich die größte Herausforderung für die Veranstalter. Mindestens zehn Helfer werden für ein Café gebraucht. Zwar kommen die Ehrenamtlichen aus allen Bereichen: „Quereinsteiger, Autodidakten, Ingenieure, oder Elektromeister“ doch vor allem an jüngeren Bastelbegeisterten mangele es, berichtet Timpe.

Er selbst absolvierte nach dem Abitur eine zweijährige Tischlerausbildung und begann anschließend ein Studium als Schiffsbauer „Ich würde immer empfehlen: Mach erst mal eine Ausbildung!“. Neben dem Studium knüpfte Manfred Timpe bereits viele Kontakte, was ihn schließlich auch zum Haus Drei brachte. Hier leitete er zunächst nur die „offenen Werkstätte“ an, bis auch das Repair Café ins Leben gerufen wurde.

Paul Kuprianow Lieber reparieren, statt wegwerfen!

„Gesellschaft sind viele Leute“

Auf die Frage, ob Orte wie Repair Cafés, wovon mittlerweile ganze 20 Stück in Hamburg und Umgebung unabhängig voneinander existieren, ein gesellschaftliches Umdenken hin zur
Antiwegwerfgesellschaft bezwecken können meint Manfred Timpe „Ich finde unsere Gesellschaft ist so ausgeklügelt, das ist schwer da irgendwo reinzukommen“. Vielleicht könne man mit politischem Einfluss etwas ändern, überlegt er „aber als Vision: Alle Leute reparieren jetzt was – dafür ist viel zu viel Bequemlichkeit da“. Es gebe immer Leute die nicht erreicht werden, egal wie groß die Bemühungen sind. „Man hat vielleicht Fantasien, wie man es gerne hätte., aber ob es sich gesellschaftlich durchsetzt liegt an so vielen anderen Sachen noch. Gesellschaft sind ziemlich viele Leute“ meint Timpe. Dennoch: der jetzige Umfang des Repair Cafés sei schon ein Erfolg. Ob ein Produkt am Ende repariert wird oder nicht sei zweitrangig; das Café bringe Leute in Kontakt mit der Materie, und das ist das was zähle.

Mein Werk

Nachdem ich jetzt einige Stunde nur beim Werkeln zugeschaut und mich mit den vielen offenen und sehr netten Leuten unterhalten habe möchte auch selber nochmal ran. Aus diesem Grund habe ich meine Schreibtischlampe mitgebracht, welche aufgrund eines kaputten Scharniers den Kopf hängen lässt. Zusammen mit Manfred Timpe begutachte ich den Schaden, und schließlich werde ich hinunter zur Metallwerkstatt in den Keller geschickt. Ein weiterer Handwerker nimmt sich meiner an und mit Bohrern, Sägen, so groß wie Bleistifte und viel Fingerspitzengefühl kriegen wir das Problem schließlich gelöst. Das Ergebnis: Anstatt die kaputte Lampe wegzuwerfen und eine neue zu kaufen, erfüllt die alte Lampe nun wieder voll und ganz ihren Zweck. Weniger Müll und reicher an Erfahrung! Repair Cafés sind ein Konzept, welches sich aller Voraussicht nach in der Zukunft sehr gut entwickeln wird. Die Gesellschaft hat das Problem des Wegwerfens verstanden, und setzt immer mehr auf Nachhaltigkeit. Carsharing, Ebay oder eben Repair Cafes sind dabei nur ein kleiner Teil des stetig wachsenden Angebots. Und schließlich sei unser gesamtes Leben einem kaputten Radio gar nicht so unähnlich meint Manfred Timpe: „Warum funktioniert es? Warum funktioniert es nicht mehr? So ist es mit der Welt – Zusammenhänge erkennen“.

Ole Wahls Verfasst von:

Ein schreibbegeisteter 18 Jähriger, der die FREIHAFEN Redaktion leitet

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