ZuGänge – eine Performance / Installation

Heruntergekommene, schmale Gänge, die von schwachem Licht beleuchtet werden. Die Räumlichkeiten im Zeiseweg 9 (Altona) bieten das passende Ambiente für das Kuriosum, welches wie ein roter Faden durch das Projekt ZuGänge fließt: „Fremdheit“. Woher diese Thematik stammt, verrät mir die Projektleiterin Marthe Meier.

Der Verein Beyond Borders e.V. organisierte 2017 erstmals ein Ferienangebot für Kinder aus Erstaufnahmeunterkünften für Geflüchtete. Ausgesuchte Freiwillige aus fünf Ländern (europäische Länder und Algerien) wurden eingeladen, um den Kindern ein einwöchiges Ferienprogramm zu kreieren. Ein ähnliches Programm wurde 2018 abermals angeboten. Danach, so die 22- Jährige Marthe, habe man das Bedürfnis verspürt „über diese Themen zu reflektieren – über Ankommen und Fremdsein – irgendwo, wo alles anders ist – und über die Gemeinschaftsgefühle, die es ebenso gab“.

Was soll Performance / Installation überhaupt heißen?

„Was bedeutet Fremdsein? Wer ist fremd und wer macht fremd? Wie begegnen wir uns? Was nehmen wir dabei wahr? Was verbindet und was trennt uns? Wo beginnt Gemeinschaft?“ – Fragen, die ganze vorne auf dem Flyer prangen, den Besuchende am Eingang der Performance/Installation in die Hand gedrückt bekommen.

Innerhalb des Projekts ZuGänge, einer Kombination aus Installation und Performance, wurde „Fremd-sein und –fühlen“ Raum verschafft, wortwörtlich. Denn Installation meint ein arrangiertes Beziehungsgeflecht zwischen ausgesuchten Gegenständen, Licht- und Klangelementen innerhalb von Räumen. Zusätzlich ist es eine Performance, weil die Besuchenden in das Geschehen eingebettet werden. Die klare Linie zwischen Zuschauenden und SchauspielerInnnen – wie wir es vom Theater kennen – verschwindet. Stattdessen entsteht eine soziale Situation und die Besuchenden können aktiv in das Geschehen eingreifen. Zuschauende können Performende berühren, sich ihnen in den Weg stellen oder vereinzelt mit ihnen reden. Das heißt auch, dass die Performance/Installation niemals genau dieselbe ist. Hier lohnte es sich also durchaus, öfter durch die Räume zu schlendern.

Leonie Theiding Hautnah am Geschehen im Raum “Isolation” (Foto: Leonie Theiding)

Aufbau-/Probenphasen

Die Denkanstöße, die durch die Performance/Installation bei den Zuschauenden ankommen, sollen ein differenziertes, nicht idealisierendes und auch nicht verteufelndes Bild auf „Fremdheit“ werfen – ein anspruchsvolles Ziel. Weswegen bereits im August 2018 mit dem Projekt Unlock Society begonnen wurde – Methoden sollen gefunden werden, um sich künstlerisch mitzuteilen. 5 Tage setzte sich die Gruppe mit der Thematik auseinander, suchte nach Arten des Ausdrucks. Drei konkrete Ansätze sind entstanden, einer davon: Räume finden – ZuGänge.

Nach der Arbeitsphase im August brauchte es weitere Treffen, eine einwöchige Aufbauphase der Räume und lediglich drei wahrliche Probentage – fertig! ZuGänge stand – 7 Räume waren konstruiert worden, davon behandelte jeder Raum einen eigenen Aspekt von „Fremdheit“. Interpretiert wurden die einzelnen Anlaufstationen im Zeiseweg 9 ganz unterschiedlich – „jeder Zuschauende sieht etwas Eigenes in ihnen“, erzählt mir Marthe.

Leonie Theiding Raum “Wände” (Foto: Leonie Theiding)

„Wie Elefanten im Porzellanladen“

„Fremd“ fühlt sich der Besuchende schon beim Eintreten in den ersten Raum, denn um dahin zu gelangen, müssen die eigenen Füße behutsam um teilweise bereits zerbrochenes Geschirr herumschreiten. „Wir fühlten uns zeitweise wie Elefanten im Porzellanladen. Denn während wir uns über ‘Fremd-sein’ und ‘Fremd-fühlen’ ausgetauscht haben, stießen wir nicht selten auf Schwierigkeiten/Empfindlichkeiten – binnen der Gruppe aber auch bei eingeladenen Gästen. Bei diesem Thema reagierte fast jeder emotional – mit Migrationshintergrund oder ohne und vor allem dann, wenn es um Einsamkeit und sich isoliert fühlen geht. Die Atmosphäre war immer sehr respektvoll, harmonisch und freundschaftlich, versteh mich nicht falsch, aber da haben wir gemerkt, dass Gefühle von „Fremdheit“ ein sehr sensibles Thema sind.“ Jeder kennt dieses mulmige Drücken im Bauch, mit dem man sich oft nicht auseinandersetzt – umso besser, dass die Performenden von ZuGänge uns dafür Raum schaffen.

Die Performance/Installation hat bereits vom 01. – 05. März 2019 stattgefunden. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf den Verein und seine nächsten Projekte: :https://www.beyond-borders-ev.de

Leonie Theiding Projektleiterin Marthe Meier (Foto: Privat)
Leonie Theiding Verfasst von: